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800 Jahre Bielefeld: Das gibt’s doch gar nicht!

Die Bielefeldverschwörung dürfte ganz Deutschland bekannt sein. „Bielefeld gibt’s doch gar nicht“ spricht immer jemand aus, sobald man Bielefeld erwähnt. Früher war es mir ziemlich egal, da ich nichts mit Bielefeld zu tun hatte. Seit Juni 2012 wohne ich in Bielefeld und war damals wirklich überrascht, dass Bielefeld eine schöne Stadt ist, die einiges zu bieten hat. Die Stadt gefällt mir so gut, dass ich als Kölner mich sogar dazu hinreissen ließ, etwas positives über die Stadt zu schreiben. 2014 steht die 800 Jahrfeier an und die Bielefelder haben es mal wieder verhauen …
Gleiches kann man über Projekt der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld sagen, auf welches ich ebenfalls eingehen werde.

Als mir auf der Arbeit der Jahresbericht des Bielefelder Stadtmarketings auf den Schreibtisch flatterte, fiel auch Infomaterial zur 800 Jahrfeier aus dem Umschlag. Ich machte ein Bild des Slogans und veröffentlichte diesen über Instagram auch auf facebook und Twitter. Auf facebook trat dies sofort eine Diskussion los, bei der viele den Slogan „Das gibt’s doch gar nicht!“ für einen gelungenen Schachzug hielten. Mich konnte bisher niemand davon überzeugen! Ich finde ihn weiterhin einfallslos und kontraproduktiv. Weshalb dem so ist und was für die 800 Jahrfeier geplant ist, gibt es auf dieser Seite ausführlich zu lesen. Als Kölner kommt einem nur „WHAT THE FUCK?!?!?!“ in den Sinn, da wir Kölner uns bekanntlich immer und für alles feiern und die Bielefelder Vorgehensweise da einfach nur unverständlich ist.

Die Diskussion auf facebook hatte am Ende 31 Kommentare und das Foto 6 Likes.
Das Foto hatte auf facebook am Ende 31 Kommentare und 6 Likes.

Das größte Problem am Slogan der 800 Jahrfeier ist, dass erneut mit der Nichtexistenz der Stadt gespielt wird. Außer dem Spruch aus der Bielefeldverschwörung wissen die meisten nichts über Bielefeld. Einige wenige wissen noch, dass Dr. Oetker seinen Sitz in Bielefeld hat und die Dr. Oetker Welt zieht jedes Jahr Besucher nach Bielefeld.
Wie kann also ein Slogan, der keinen Spielraum für ein neues Image von Bielefeld zulässt gelungen sein? Wer die 800 Jahre auf dem Logo nicht beachtet, liest weiterhin „Bielefeld Das gibt’s doch gar nicht!“. Ob die Hervorhebung am Ende wirklich eine Rolle spielt, bezweifle ich stark. Es ist wirklich traurig, dass jeglicher Versuch einer neuen Strategie nicht wahrgenommen wurde.
Spontan fällt mir kein 2. Ort ein, der mit der Nichtexistenz von etwas Werbung macht. Vielleicht könnte man die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) noch dazu zählen „NEIN! Es gibt keine Radioaktivität rund um Fukushima!“ aber dabei geht es dann doch um etwas anderes …

Den Buddy Bär aus Berlin kennt mit Sicherheit jeder, der einmal in Berlin war. Die Züricher Kuh ist sogar mir ein Begriff . In Bielefeld gibt es vor vielen Geschäften den Leineweber in besonderem Design. Diesen gibt es bereits seit 2009 in vielen Designs, als er seinen 100. Geburtstag feierte. Damit aber NIEMAND auf die Idee kommt, eine Figur zu kaufen, vertreibt die Stadt Bielefeld in ihrem Souvenir-Shop genau ein Modell in WEISS! Da kommt richtig freude auf und jemand hat mal wieder eine gute Idee nicht zu Ende gedacht …
Anstatt die Leineweber Figuren für den Verkauf von Designern gestalten zu lassen (HALLO! Hier wird MODE produziert! Wieso lässt man deren Designer nicht mal was cooles machen?!?!) und daraus ein Sammler Objekt zu generieren, macht man einfach nichts außer ein paar Figuren in der Innenstadt.
Natürlich ist der Leineweber nicht so cool wie ein Bär oder eine Kuh aber besser als nichts. Schließlich ist der Leineweber ein Wahrzeichen der Stadt Bielefeld.

Jetzt, wo Bielefeld also weiterhin mit dem „lustigen Spruch der Nichtexistenz“ spielt, kommt die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefelds daher und will Bielefeld dann doch ein Gesicht geben. Das die Bielefelder aber nichts von Stadt-Marketing verstehen, zeigt das Projekt „Das kommt aus Bielefeld“ perfekt. Auf der Seite wird zwischen „Aus Bielefeld“ und „In Bielefeld“ unterschieden. Bei „Aus Bielefeld“ finden sich Produkte, die aus Bielefeld kommen. Im Bereich „In Bielefeld“ dann Firmen aus Bielefeld. Dadurch findet sich „Dr. Oetker“ dann in beiden Kategorien, 3x in der Kategorie „Aus Bielefeld“ als „Verlässlicher Partner der Verbraucher“ (Versuchsküchen IN Bielefeld), „Gugelhupf mit Gelinggarantie“ und „Puddingpulver mit Strahlkraft„, wobei letzteres sich um die „Dr. Oetker Welt“ dreht, was eigentlich zu „In Bielefeld“ gehört, da die Dr. Oetker Welt nun mal IN Bielefeld ist und nicht exportiert wird. Und natürlich bei „In Bielefeld“ dann auch als Firma. Für wen die Seite am Ende ist, kann ich derzeit noch nicht sagen. Gerade der Bereich „Aus Bielefeld“ ist recht unattraktiv. Im Moment ist eine der ersten Kacheln „Einfach geniale Speisekarten – Fluhrer entwickelt Gummiband-System für flexible Speisekarten“ und  kurz danach „Einzigartiges Shopping-Portal! Der werbefreie Preisvergleich „Wir-Lieben-Preise“ kommt aus Bielefeld„. 99,9% der Besucher der Seite werden sich nicht für Speisekarten interessieren. Und wir-lieben-preise.de hofft mit Sicherheit den Bekanntheitsgrad zu steigern, da die Seite niemand kennt (Alexa.com: wir-lieben-preise.de – Traffic Rank in DE: 54,287  // guenstiger.de – Traffic Rank in DE: 377). Bei der Kachel „Bielefelderisch für Anfänger – Ein Sprachkurs (nicht nur) für Zugezogene“ frage ich mich ernsthaft, was man dem Besucher damit sagen möchte?

Der regionale Bestseller erschien 2012 in dritter Auflage und fand bereits über 15.000 lernwillige Leserinnen und Leser. Erhältlich sind die Taschenbücher für je 9,90 Euro bundesweit im Buchhandel sowie im Online-Shop.

Was genau hat dieses Buch mit der Wirtschaftsförderung zu tun?
Bei „In Bielefeld“ finden sich Restaurants, Gebäudereinigungsfirmen aber auch große Unternehmen wie GILDEMEISTER. Das ganze ist überaus unübersichtlich und der Sinn der Seite ist gut versteckt. Derzeit wird mit Plakatwerbung innerhalb Bielefelds auf die Seite aufmerksam gemacht. Anscheinend ist es am Ende nur ein schlechtes Firmenverzeichnis für Bielefelder aber keine Marketingplattform. Aber seht euch die Seite ruhig einmal selbst an.

Hier ein Beispiel wie man Köln in 4 Minuten beschreibt inkl. Vorstellung einiger Firmen, die in Köln angesiedelt sind. Natürlich sind viele Bilder austauschbar und könnten auch woanders sein aber genau darum geht es doch „positive Dinge für sich vereinnahmen“. Einer der 3 Internationalen Flughäfen, der nur 1h entfernt ist, sitzt in DÜSSELDORF! Das sagt natürlich kein Kölner aber für Marketingzwecke erwähnen wir gerne die Nähe des Flughafens.

 

Kommen wir aber zurück zur 800 Jahrfeier. Das Projektbüro hat eine unvollständige Terminvorschau für 2014 veröffentlicht. Hier einige Auszüge aus der Planung:

11.03. + 12.03.: 66. Westfälischer Archivtag – Fachtagung mit Archivaren aus Westfalen und Umgebung
24.05.: Eine Deppendorfer Landpartie – Entdeckung der dörflichen Seite Bielefelds auf einem besonderen Spaziergang mit ungewöhnlichen Erlebnissen und Eindrücken am Wegesrand, Niederdornberg-Deppendorf

Der Archivtag hat mit Sicherheit wenig mit der 800 Jahrfeier zu tun, wird trotzdem gelistet.
Das 3. Event hört sich sehr lustig an, da mit Sicherheit kaum jemand außerhalb Bielefelds von Deppendorf gehört hat und dabei eher an Rednecks in Bielefeld denkt.

Unzählige unspektakuläre Events finden sich in der Planung bei der man sich fragt, wie wohl die Verantwortlichen ihren Geburtstag feiern. Voraussichtlich gibt es Wasser & Brot und eine Doku über das Waldsterben.

Sollte man bei einer 800 Jahrfeier nicht auch mal richtig feiern? Wo ist die große Party über ein langes Wochenende (Pfingsten)? Mit Mitternachtsshopping am Samstag, wo bis in die Nacht überall in der Stadt Events sind, die das gesamte Umland anlocken?

Richtig, die gibt es nicht. Am 8. Juni (Pfingsten) gibt es „unglaublich.himmlich – Kirche findet Stadt“.

Es tut mir leid aber für mich ist das gesamte Stadtmarketing in Bielefeld eine Katastrophe. Wer sich selbst nicht mal an einem Jubiläum feiern kann, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende nur „Bielefeld gibt’s nicht!“ in den Köpfen der Menschen hängen bleibt. Denn Bielefeld findet weiterhin außerhalb von OWL nur in sehr begrenztem Rahmen statt.

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